Der Aufbruch

Stummfilm-Wortschatz, große Ambitionen

Mit 18 Jahren war der große Tag endlich gekommen. Ich weinte bittere Tränen, als ich mich von meiner Familie verabschiedete, aber mein Hunger nach Abenteuern brannte einfach zu heiß, um mich aufzuhalten.

Ich bestieg das Flugzeug mit einem Koffer voller Hoffnung und ohne jeden Blick zurück. Meine wichtigste Strategie für den Start in Kanada? Einfach nicht sprechen. Weil ich es nämlich gar nicht konnte!

Glücklicherweise verschaffte mir die Arbeit bei einer deutschen Malerfirma etwas Zeit, um die Sprache nach und nach aufzuschnappen. Als das Flugzeug mit lautem Getöse aufsetzte, entpuppten sich die ersten Wochen als eine emotionale Achterbahnfahrt.

Ein einfacher Ausflug in den Supermarkt fühlte sich an wie ein Hindernislauf mit extrem hohem Einsatz, bei dem ich mich durch den Lebensmitteleinkauf pantomimisch durchkämpfen musste.

Doch dann bemerkte ich etwas Erstaunliches:
Während die Berliner Straßen oft von kühlem Misstrauen geprägt waren, begegneten mir die Kanadier mit überwältigender Freundlichkeit. Langsam löste sich das Gefühl des Eingesperrt seins auf.

Mir wurde klar: Dieses riesige Land würde mich tatsächlich behalten.


Das Supermarkt-Rätsel

Wo ist das echte Brot?

Jeder Einwanderer bringt seine tief verwurzelten Gewohnheiten mit, und meine kollidierten heftig mit den Regalen eines kanadischen Supermarkts.

Was für ein Kulturschock! Meine tiefe Verzweiflung begann in der Backwarenabteilung. Ich nahm ein Laib kanadisches Brot in die Hand und dachte ernsthaft, es handele sich um einen feuchten, weichen Küchenschwamm.

Es war meilenweit entfernt von den schweren, krustigen Broten meiner Heimat, an denen man sich fast die Zähne ausbiss.


Die Quark-Geheimoperation

Und fangen wir erst gar nicht von der aussichtslosen Safari nach ganz normalem deutschem Quark an.

Versuchen Sie mal, einer kanadischen Kassiererin im Teenageralter ein sehr spezielles europäisches Milchprodukt zu erklären – und das ausschließlich mit wilden Handbewegungen und gebrochenem Deutsch.

Sie sah mich an, als würde ich Marsianisch sprechen. Jahrelang erforderte die Beschaffung von Quark eine koordinierte Geheimoperation in speziellen deutschen Feinkostläden.


Räder der Freiheit

Ein donnernder V8

Nichts verkörperte den amerikanischen Traum so sehr wie ein riesiges Auto auf einer endlosen Autobahn. In Kanada öffneten sich mir Türen, die Europa mir vor der Nase zugeschlagen hätte. Für schlappe fünf Dollar erwarb ich meinen kanadischen Führerschein.

Damals in den 60er Jahren war die Fahrprüfung ein absoluter Witz. Der Prüfer ließ mich im Grunde einmal um den Block fahren, einmal rückwärts einparken, ohne den Bordstein zu rammen, und drückte mir meinen Führerschein in die Hand.

Dann folgte die Krönung: Ich kaufte mir einen donnernden, gigantischen AMC Ambassador V8. Als dieser gewaltige Motor zum Leben erwachte und die Straße hinuntergrollte, fühlte ich mich wie der König der Welt. Absolute Unabhängigkeit!

Die Alkohol-Gesetze von Ontario

Ich kurvte glücklich über die Highways, bis mir plötzlich ein zutiefst erschreckender Gedanke in den Kopf schoss: Moment mal, wie lauten hier eigentlich die Regeln für Alkohol am Steuer?

Wie sich herausstellte, besaß das Rechtssystem von Ontario im Jahr 1965 ein amüsantes Gespür für Ironie. Das gesetzliche Mindestalter für Alkoholkonsum lag bei sage und schreibe 21 Jahren! (Erst 1971 wurde es auf 18 gesenkt, bevor man sich später auf 19 einigte).

Ich war also offiziell alt genug, um ein tonnenschweres V8-Monster über die Highways zu jagen, aber viel zu jung für ein kühles Bier. Doch die wahre Freiheit wartete ohnehin nicht auf der Straße, sondern noch ein ganzes Stück weiter oben...

„Erfahren Sie, wie aus dem Einwanderer ein stolzer Kanadier mit Ritterwappen wurde: [Über den Wolken]